Eine Hirtengeschichte


"Auf dem Felde waren Hirten beisammen und hielten Nachtwache bei ihrer Herde"


Es war eine kristallklare Nacht. Wenn ihr euch nur vorstellen könntet, was für eine Nacht! Der Himmel war so schwarz, dass er gar nicht auszuloten war. Wie ein schwarzer Samtteppich wölbte er sich über der Erde. Er war übersät mit unzähligen Sternen, die wie kleine Diamanten in den unerdenklichsten Farben schimmerten. Über allem stand ein großer, runder Mond, der die ganze schneebedeckte Landschaft mit seinem Silberlicht zum Leuchten brachte. Ja, so eine Nacht hatte man schon lange nicht mehr gesehen. Und es war bitterkalt! Oh, es war so kalt, dass es schon eine Zumutung war, jemanden in dieser Nacht arbeiten zu lassen. Wirklich, eine Schweinerei! Herr Schäfer aus Betelsheim grunzte unwillig in sich hinein und zog sich seine Wollmütze noch tiefer ins Gesicht.
    Dann riss er sich von dem Anblick los, um wieder an die Arbeit zu gehen. Misstrauisch beäugte er die Mülltonne, die vor ihm stand: Die sieht ja noch schwerer aus als die Letzte! Mit einem Seufzen packte er an und schleppte sie zum Wagen. Warum war er auch Müllmann geworden! Es war wirklich ungerecht. Und ausgerechnet heute musste er arbeiten! An Heiligabend! Nicht, dass ihm das etwas bedeutet hätte. Die Geschenke würde er seinen Kindern morgen immer noch unter den Weihnachtsbaum legen können. Das war nicht das Problem. Aber es war so kalt!!!
    Scheppernd riss ihn der Blechdeckel der Mülltonne aus seinen Gedanken. Auch das noch! Grummelnd bückte er sich nach dem Deckel und... was war das? Hatte er sich getäuscht, oder leuchtete da tatsächlich etwas in der Mülltonne? Er sah genauer hin. Doch, ja! Von irgendwo in der Mülltonne kam ein schwacher Lichtschimmer! Herr Schäfer aus Betelsheim sah sich um, ob ihn auch ja niemand beobachtete – normalerweise stöbert man ja nicht in anderer Leute Müll. Dann steckte er seine Hand in die Tonne. Er musste erst ein wenig wühlen, ehe er tief unten auf etwas Großes stieß, und schon bald hielt er einen Engel in der Hand. Es war ein sehr schöner Engel aus bemaltem Glas, der mit wallenden Stoffgewändern umhüllt war. Und er leuchtete. Irgendjemand hatte wohl vergessen, die Batterien herauszunehmen. Herr Schäfer aus Betelsheim setzte sich auf ein Mäuerchen, um ihn näher anzusehen. Es gab ja sonst keine Abwechslung in seinem Beruf!
    Der Engel war wirklich schön! Seine Kleider waren durch den Aufenthalt in den unteren Stockwerken der Mülltonne schon etwas zerdrückt. Aber ansonsten war kein Schaden festzustellen, obwohl er fast dreißig Zentimeter groß war. Nirgendwo war etwas abgebrochen oder gesprungen. Sogar die großen Flügel (aus echten Federn!) waren unbeschädigt. Er hatte sie weit ausgebreitet. Seine Arme hatte er einladend erhoben, so als wolle er Herrn Schäfer aus Betelsheim gleich umarmen. Aber das wurde durch ein großes Spruchband verhindert, das er in den Händen hielt. Was stand da? "Gloria in excelsis deo"! Was das bedeutete, hatte er irgendwann vergessen. Und Hebräisch habe ich nicht gelernt. Trotzdem hätte er gerne gewusst, was der Engel wohl zu sagen hatte. Und der Engel wollte seine Botschaft ja auch weitergeben! Das machte die Körperhaltung und das große Band überdeutlich – außerdem sind Engel nun mal, wie jeder weiß, dazu da, Botschaften zu vermitteln. Aber wo konnte er die Botschaft finden? Die Schrift konnte er nicht lesen. Wo sonst? Die ausgebreiteten Arme luden zwar ein, zu kommen und zu hören, aber sie konnten nicht sprechen. Ja, wenn der Engel wenigstens sprechen könnte! Aber er machte keine Anstalten dazu. Doch jetzt, wo Herr Schäfer aus Betelsheim das Gesicht seines Engels näher betrachtete, fiel ihm auf, dass er lächelte! Ja, sein Antlitz strahlte geradezu vor Freude (nicht zuletzt durch die Batterie)!
    War das etwa die Botschaft? Freude? Aber warum? Ich meine, man freut sich doch nicht einfach so, oder? Fragen konnte er ihn leider nicht. Der lächelte ja bloß! Nichtsdestotrotz hätte er gerne etwas von der Freude des Engels abbekommen. Er dachte nach. Wahrscheinlich freute er sich ja über die Geburt Jesu, seines Herrn. Aber Herr Schäfer aus Betelsheim hatte noch nie verstanden, wie man sich darüber freuen konnte. Da wird Gott – ja Gott!!! – wird da Mensch. Und statt in einem Palast oder wenigstens in einer schönen Herberge muss Maria ihn in einem dreckigen Stall zur Welt bringen. Und wahrscheinlich war es genauso kalt wie heute! Und da freut sich der Engel!
    Der Engel lächelte.
    Ich an Gottes Stelle, ich hätte diesen Herbergsleuten auf der Stelle einen kräftigen Blitz in den Hintern gedonnert – und ein ordentliches Erdbeben obendrein! Und wenn ich du wäre, werter Herr Engel, würde ich diesen Leuten, die meinen Herrn so behandeln, ihr ganzes Leben lang ihre Träume versauen! Nein, er verstand wirklich nicht, was es da zu freuen gab.
    Der Engel lächelte immer noch.
    Und damit nicht genug: Kurz nach seiner Geburt musste dein Chef dann vor einem blutrünstigen König fliehen und überhaupt! Letztlich starb er dann am Kreuz! Und da kannst du dich freuen?
    Aber der Engel lächelte ihn immer noch an. Herr Schäfer aus Betelsheim regte sich langsam auf! Er hatte den Eindruck als würde er belächelt wie ein kleines Kind, das nichts verstand! Ja was denn! Was gibt es denn da so Schönes? Friede auf Erden und so weiter? Wenn ich mir die aktuelle Weltsituation ansehe, kann ich davon nichts feststellen. Alles geht den Bach runter! Und ich muss an Heiligabend den Müll einsammeln! Was gibt es da noch zu freuen?
Er verlor langsam die Geduld. Der Engel nicht. Der lächelte weiter. Aber man konnte ihm darum auch wieder nicht böse sein. Denn es war ja gerade dieses strahlende, unbeugsame Lächeln, was an diesem Engel so fesselte: Zeitlos, überirdisch, paradiesisch – engelhaft eben. Lag darin vielleicht der Grund? Paradies... ist das nicht alles, was schön und gut ist, ist da nicht Freude und Frieden und all das, wonach sich die Menschen sehnen? Aber das ist so weit entfernt...
    Nein, sagte ihm das Lächeln des Engels, das Paradies kann nicht so weit entfernt sein, wenn dieses Lächeln dich gerade darauf aufmerksam gemacht hat!
    Ja, wenn dieser Engel schon ein wenig Paradies in mein Herz streuen kann durch ein einfaches Lächeln, wie viel muss dann erst Christus den Menschen davon gebracht haben? Ja, war ihm das vielleicht so wichtig gewesen, dass er dafür sogar auf ein Bett im Königspalast verzichtet hat, nur damit ein paar einfache Hirten ein bisschen Paradies erblicken konnten?
    Das Lächeln des Engels wurde immer freudiger, sein Licht wurde goldener, seine Arme hoben sich höher, seine Flügel spannten sich weiter; denn endlich wurde er seine Botschaft los!
    Das hieße ja dann, dass wir Gott wirklich nicht egal sind, wenn er so viel Mühe und Unannehmlichkeiten auf sich genommen hat! Er will uns glücklich machen, uns ins Paradies führen! Und er kann gar nicht anders als jedem Einzelnen immer wieder zu zeigen, dass er ihn liebt und nur das Beste für ihn will! Ja, jedem Einzelnen, auf seine ganz besondere Weise. Und wenn wir ihn aufnehmen, dann erleben wir ein Stückchen Paradies… ein wenig Friede und Freude und Kraft. Aber wenn das so ist... Geht es vielleicht gar nicht darum, die ganze Welt zu befrieden? War es in diesem Moment nicht wichtiger, dass er, Herr Schäfer aus Betelsheim, hier und jetzt dem Heiland, der in die Welt kommen will, eine Wohnung gab? Aber welche?
    Der Engel lachte. Dein Herz!
    Mein Herz? Aber ist das denn gut genug für ihn? Hätte er nicht eher einen Palast verdient?
    Nein, er hat sich damals mit einer Krippe zufriedengegeben, weil die Menschen ihm nicht mehr geben wollten. Und er hat niemanden dafür bestraft. Umso glücklicher wird er sein über das, was du ihm jetzt hier zu bieten hast. Er wird dein Bethlehem annehmen, ganz egal wie es aussieht, um dich glücklich zu machen!
    Das also war seine Botschaft. Der Engel war nun auf dem Höhepunkt seiner Freude und Herr Schäfer aus Betelsheim auch. Er ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen, und plötzlich sah er all das Schöne, das er vorher nicht wahrgenommen hatte. Ja, so eine Nacht hatte er schon lange nicht mehr gesehen! Es lag Schnee. So hoch, dass er morgen mit seinen Kindern Schlitten fahren würde. Der runde Vollmond tauchte alles in sein geheimnisvolles Licht. Und beim Anblick dieses Silberlandes war ihm, als müsse er singen! Ja, er hörte sogar seinen Engel singen vor Freude! Und nicht nur diesen einen Engel, nein, einen ganzen Engelschor! Denn als er den Blick zu den Sternen erhob, da leuchteten sie so lebendig, als ob ihre unübersehbare Menge ein Heer von Engeln wäre! Da wusste er, was auf dem Spruchband seines Engels stand und was die Hirten vor so vielen Jahren mitten in der Nacht auf dem Feld gehört hatten: "Danket Gott und freut euch mit ihm, denn er hat sich den Menschen geschenkt, damit die, die ihn annehmen, den Frieden haben, nach dem sich alles sehnt!" Ja, und darüber freute sich alles, Mond und Sterne, die Bäume und der Wind, ja selbst die Engel im Himmel!
    Und darüber kann dann auch ich mich freuen, dachte Herr Schäfer aus Betelsheim.

Den Engel hat er nicht behalten. Denn der war seine Botschaft losgeworden und hatte seine Freude weitergegeben – und irgendwann verlischt selbst die stärkste Batterie. Aber das paradiesische Lächeln war nicht verloren: Wenn man genau hinsah, konnte man es erkennen, tief eingegraben in das vor Kälte gerötete Gesicht des Herrn Schäfer aus Betelsheim. Und mit diesem Lächeln verschwanden etliche Sorgenfältchen aus seinem Gesicht und kehrten nicht wieder.


© 21. Dezember 2001