"Wie wunderbar hast Du alles gemacht, wie sorgsam geplant!"


    ...sagte der Musiker zum Komponisten.
    "Schon der erste Blick auf das Notenbild... fantastisch! All die Läufe und Linien, die Bindungen, all die aneinandergereihten Punkte und Striche... allein in dem Bild könnte ich mich verlieren!"
    "Aber ich habe die Punkte und Striche nicht um des Gesamtbildes willen gezeichnet."
    "Ja, natürlich. Jede einzelne Note hat ja ihre wichtige Bedeutung. Das ist wie ein Buchstabe in einem Text. Und wenn ich mir so eine Note anschaue... Wahnsinn! Wie wunderbar hast du alles gemacht, wie sorgsam geplant! Sieh doch, jede Note hat ihren eigenen Platz, ja, ihre ganz eigene Position, ihren eigenen Ton, ihre eigene Länge, ihre eigene Lautstärke, ihren eigenen Akzent... mein Gott, allein der Blick auf eine einzige Note... fantastisch!"
    "Jetzt fällst du ja genau ins Gegenteil! Da steht doch nicht nur eine einzige Note..."
    Ja, ja, schon gut. Aber das Stück ist ja so vielseitig, so dicht, so voll von Angaben und Informationen... es ist so kompliziert, diese Melodie genau so zu spielen, wie du es da aufgeschrieben hast... oje, wie wunderbar hast du alles gemacht, wie sorgsam geplant!"
    "Und, spielst du sie jetzt endlich?"
    "Ja aber... wie stellst du dir das vor? Ich meine, du als Komponist hast doch eine vollkommene Vorstellung im Kopf, wie diese Melodie zu klingen hat! Und ich, ein einfacher Musiker, sollte mich erdreisten, vor deinem Ohr diese Melodie zu spielen?"
    "Jetzt hör mal zu! Ich habe diese Melodie aufgeschrieben, damit sie gespielt wird! Wenn ich steriles Gedudel hören wollte, würde ich sie von einem Computer abspielen lassen! Aber ich will lebendige Musik hören! Deine Interpretation ist mir wichtig, so wie du diese Melodie spielst! Du bist doch kein Sklave meiner inneren Vorstellung! Alles, was für das Gelingen dieser Melodie wichtig ist, habe ich notiert. Alles Weitere bleibt dir allein überlassen. Und jetzt spiel! Und wenn's noch nicht klappen sollte, hol' ich meinen Sohn – der kann dir das vorspielen."


© 14. Juni 2002